Alte Jungfrauen, alte Junggesellen und ihre Geister

Einleitung

Momentan versuche ich, alle Serienbeschreibungen zu überarbeiten, um sie etwas einheitlicher im Aufbau zu machen. In der Vergangenheit beachtete ich wenig, was auf der Website zur Serie (des ausstrahlenden Senders) steht. Nun schaue ich da häufiger nach. Bei der Überarbeitung von 100 Days My Prince stieß ich auf der zugehörigen Website auf eine Erklärung, worauf die Geschichte basierte: Auf einem Glauben, dass unverheiratete Menschen Unglück bringen.

Dabei wurden Stellen aus Schriften der Joseon-Ära zitiert. Auf der Suche nach den genauen Quellen, stieß ich auf einen Blogbeitrag eines gewissen Herrn Kim, der sich mit demselben Thema beschäftigte und seltsamerweise die gleichen Zitate beinhaltete – 1 Jahr vor der Veröffentlichung der Serie. Zufall?

Ich freute mich und verfasste mit den Informationen den vorliegenden Text. Der Text enthält Informationen, die sich auch schon auf der Seite von 100 Days My Prince befinden.

Die Annalen der Joseon Dynastie

Gyeongguk Daejeon (경국대전
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Im Gyeongguk Daejeon (경국대전), einem Gesetzbuch der Joseon-Dynastie, ist festgelegt, dass Männer verheiratet sein sollten bis sie 15 Jahre alt sind und Frauen bis sie 14 Jahre alt sind. Dabei muss man beachten, dass es hier um das koreanische Alter geht. In Korea sind Kinder bei der Geburt 1 Jahr alt und werden immer an Neujahr ein Jahr älter.

Vom Autor Kim erfahren wir, dass das durchschnittliche Heiratsalter 1912, gleich nach dem Ende der Joseon-Dynastie, bei 18,2 Jahren für Männer und 19,5 Jahren für Frauen betrug. Also maximal 17 Jahre bei Männern und etwa 18 Jahre bei Frauen, wenn wir das europäische Alter abschätzen. Wobei interessant ist, dass die Frauen bei der Heirat im Schnitt älter waren, als die Männer. Wenn wir also in koreanischen Serien eine Frau einen jüngeren Mann heiraten sehen, ist das nichts Ungewöhnliches, historisch betrachtet.

Diese Vorstellung, dass es wichtig ist, früh zu heiraten hielt sich noch bis ins 20. Jahrhundert – und in konservativen Kreisen bis heute. In der Joseon Ära galten deshalb Frauen und Männer, die nach ihrem 20. Lebensjahr noch allein waren, als “alte Jungfrauen” (노처녀) und “alte Junggesellen” (노총각).

Eine Jungfrau galt als eine Frau mit einem Groll, und ein alter Junggeselle wurde Bergmann (Minenarbeiter) genannt, was etwa “leerer Mann” bedeutet. Eine Jungfrau ist also quasi eine frustrierte Frau und einem alten Junggesellen, einem “Bergmann”, fehlt etwas. Sein Leben ist leer.

In der Joseon-Dynastie, in der die Harmonie von Yin und Yang als besonders wichtig erachtet wurde, glaubte man, dass, wenn es viele Jungfrauen und “Bergleute” gäbe, die keinen Partner finden können, Dinge passieren würden, die für das ganze Land schädlich waren, weil die Harmonie des Yin und Yang dadurch gestört werden würde.

Und so heißt es in den Aufzeichnungen aus der Joseon-Zeit:

„Wenn es viele alte Jungfrauen gibt, die nicht heiraten können, weil sie arm sind, schadet das der Harmonie und lädt zur Katastrophe ein …“ (28. Mai, 4. Jahr von König Jungjong)

„Weil selbst der Groll einer Jungfrau und eines Bergarbeiters die Harmonie von Himmel und Erde schädigen kann … “ ( 25. Dezember , 13. Jahr von König Seongjong )

„Wenn ein Mann ohne Ehefrau (ein Bergmann) und eine Frau ohne Ehemann (eine jungfräuliche Frau) ihre Sorgen frustriert anhäufen, rufen sie einen Geist der Not herbei.“ (13. April, 8. Jahr von König Seongjong)

„Nichts ist wichtiger als die Ehe, und es ist wichtig, dass der König keine Jungfrauen um sich hat.“ (6. Januar, 22. Jahr von König Seongjong)

Es ist also folgerichtig, wenn der Kronprinz den Befehl erteilt, dass alle Unverheirateten heiraten müssen, wenn das Land Not leidet, wie in 100 Days My Prince.

Oh My Ghost

Der jungfräuliche Geist

Interessant ist nun, was passiert, wenn eine Jungfrau oder ein Junggeselle sterben. In vielen koreanischen Serien erfahren wir, dass Geister, wenn sie unglücklich sind und das Leben nicht loslassen können, weil sie noch etwas zu erledigen haben, zu bösen Geistern werden.

Alte Jungfrauen und Jungesellen sind also nicht nur Zeit ihres Lebens eine Gefahr für das Land, sondern können nach dem Tode auch zu bösen Geistern werden.

In Oh My Ghost stirbt eine Frau noch jungfräulich. Als Jungfrau hat sie einen Groll, den sie nicht erklären kann. Deshalb schlüpft sie immer wieder in Körper von verschiedenen Frauen und versucht mit ihrer Hilfe, bzw. mit ihnen, Sex zu haben, in der Hoffnung, so endlich den Groll zu verlieren um ins Jenseits aufsteigen und die Welt der Sterblichen verlassen zu können. Die sie betreuende Schamanin ermahnt sie dabei immer wieder, dass sie ein böser Geist werden könne, wenn sie ihren Groll nicht loswerde.

Da Oh My Ghost jedoch ein modernes Märchen ist, stellt sich heraus, dass sie einen Groll hat, weil sie ermordet wurde und nicht, weil sie eine Jungfrau ist.

Korea heute?

dass es immer noch auf wenig Akzeptanz stößt, wenn man als Frau keinen Sex hatte und nicht verheiratet ist, zeigt der aktuelle (März 2023) Wikipedia-Eintrag unter “Old Miss” in der koreanischen Wikiedia.

Wikipedia Korea:

Old Miss (올드미스, 노처녀)

[…]

In jüngster Zeit sind unverheiratete Frauen um die 30, die einige Erfolge bei der Gleichstellung der Geschlechter und dem sozialen Aufstieg erzielt haben, als “Gold Miss” ins Rampenlicht gerückt, als eine Klasse, die neue Trends und den Konsum anführt und in ihre inneren und äußeren Werte investiert.

Populäre Kultur

Interessanterweise gelten alte Jungfrauen in fast allen Kulturen als unglückliche oder arme Frauen, und viele Menschen wurden als Jungfrauen in sozial schwachen Verhältnissen alt. In der späten Joseon-Dynastie gibt es auch Werke aus dem Naebangsa-Tempel, wie “Die Ausstellung alter Jungfrauen” und “Die Ausstellung alter Jungfrauen Go Dokgak”, die sich mit ihren Sorgen befassen. In diesen Werken wird die Geschichte alter Jungfrauen in bedauernswerten Fällen erzählt […].

In Hyun Jin-guns Roman “Inspektor und Liebesbrief” (1924), der in der koreanischen Literatur berühmt ist, wurde eine alte Jungfer als heuchlerische Figur dargestellt, was ihn [den Roman] zur repräsentativsten Geschichte über die Hysterie alter Jungfern macht.

Kürzlich wurde eine Sitcom mit dem Titel “Old Miss Diary” [(= Tagebuch einer alten Jungfer)] populär und wurde verfilmt. Sie war sehr populär, weil sie die Liebesgeschichte einer gewöhnlichen alten Jungfer in ihren frühen 30ern behandelte.

[…]

Gesundheit

In Korea wird “Old Miss” [(= alte Jungfrau)] oft zusammen mit dem Begriff “Alte Jungfern Hysterie” verwendet, der […] Ängste bezeichnet, die durch sexuelle Unzufriedenheit […] verursacht werden. Aber es ist kein medizinischer Begriff. Es ist vor allem ein populärer Ausdruck, der eine alte Jungfer […] beschreibt.

In der orientalischen Medizin heißt es, dass es [eine Störung gibt, die] eine Folge des Zölibats ist, welche bei alten Frauen und Nonnen auftritt. Es handelt sich um eine Krankheit, die durch Stress und Frustration aufgrund eines langen Singlelebens verursacht wird und Symptome der Amenorrhoe [(= Ausbleiben der Menstruation)] zeigt.

Im Allgemeinen können der Druck durch soziale Ungleichheit [(soziale Diskriminierung)] und Minderwertigkeitskomplexe sowie die Angst, nicht mehr jung zu sein, zu den Symptomen beitragen, die durch eine empfindlich gewordene Persönlichkeit verursacht werden.

(https://ko.wikipedia.org/wiki/%EC%98%AC%EB%93%9C%EB%AF%B8%EC%8A%A4)

Alter Jungeselle (노총각):

Ein Mann, der trotz seines relativ hohen Alters nicht verheiratet ist, wird als alter Junggeselle bezeichnet. Früher war das Heiratsalter niedrig, so dass man ab den 30ern von einem alten Junggesellen sprach, aber heute sind damit Menschen in den 40ern oder älter gemeint.

(https://ko.wikipedia.org/wiki/%EC%B4%9D%EA%B0%81)

thirty nine

Überlegungen

Frauen um die 30 gelten auch heute noch als alte Jungfrauen, wenn sie nicht verheiratet sind, wobei sich das Verständnis ab wann man eine alte Jungfrau ist wohl noch ändern wird. Immerhin lesen wir, dass Männer erst um die 40 als alte Jungesellen gelten. Es hat sich viel getan seit der Joseon-Ära, doch sind “alte Jungfrauen” und “alte Jungesellen” immer noch etwas zum Stirnrunzeln undwie man sieht, hat man nun auch eine psychologische Erklärung für den Groll einer Jungfrau erfunden. Jungfrauen sind hysterische Weiber und das Problem ist beschrieben!

Der schon zuvor genannte Autor Kim schrieb den zitierten Text für ein Magazin, das sich etwa “Ein Korb für eine alte Jungfrau” nennt. Es ist ein Magazin, das zweimal jährlich als Magazin für unverheiratete Frauen zwischen 30 und 40 erscheint. Es verwendet den Begriff „alte Jungfrau“ um das Erniedrigende zu untergraben und damit zu spielen – und ihm eine neue Bedeutung zu geben. Dass es solch ein Magazin gibt, zeigt, dass es immer noch ein Problem darstellt, eine “alte Jungfrau” zu sein.

In manchen Serien, wie in Something In The Rain, wird die Angst geäußert, unsere Heldin könne ein alte Jungfrau werden. Die Angst ist nicht ganz unbegründet, da in Korea Frauen deutlich weniger verdienen als Männer. Man geht davon aus, dass eine Frau bei ihren Eltern wohnt und dann irgendwann heiratet und von einem Mann versorgt wird. Dieses Geschlechterbild ändert sich zwar, aber es ist noch immer in vielen Köpfen und begegnet uns deshalb auch immer wieder in K-Dramen. Aber es ändert sich. In Thirty Nine begegnen wir Frauen um die 39, die noch keine Zeit zu heiraten hatten und in Mother erfahren wir, dass man auch ohne Mann und Heirat eine Mutter sein kann. K-Dramas spiegeln die gesellschaftlichen Verhältnisse oder sind ihnen einen Schritt voraus. In vielen Serien geht es um Emanzipation und darum, dass eine Frau auch alleine erfolgreich sein und ohne Mann glücklich werden kann, wie in Search WWW, wobei natürlich eine gewisse Romantik auch da nicht fehlen darf.

Dennoch sollte das Singledasein nicht nur für Gutverdienerinnen wie in Search WWW möglich sein. Ich denke, es ist wichtig, dass Frauen allgemein genügend verdienen, um sich ein gewisses Ansehen in der koreanischen Gesellschaft verschaffen zu können, damit sie die Chance haben, glückliche alte Jungfrauen sein zu können. Es sollte zumindest die Möglichkeit geben zu wählen, ob man mit jemandem zusammen sein möchte oder nicht. Der “Druck durch soziale Ungleichheit”, also der sozialen Diskriminierung unter welcher unverheiratete Frauen über 30 leiden, scheint doch sehr hoch zu sein, wie wir dem Wikipedia-Artikel entnehmen können.

Doch es gibt auch Frauen (und Männer), die in Korea fast immer unverheiratet sind: Es gibt ja auch lesbische Frauen (und schwule Männer…). Wenn Yin und Yang nur dann in Einklang kommen, wenn alle heiraten, dann sollten vor allem homosexuelle Pärchen heiraten dürfen und nicht zu einem Single-Leben gezwungen werden, denn diese Diskriminierung könnte zu einem Ungleichgewicht zwischen Himmel und Erde führen. Aber natürlich haben auch sie das Recht, keine Beziehungen einzugehen und “jungfräulich” zu bleiben.

Quellenangaben: